Folge 1336
19. April 2026
Sender: SWR
Regie: Robert Thalheim
Drehbuch: Bernd Lange
So war der Tatort:
Sonnenlos.
Innere Angelegenheiten spielt nämlich nicht nur (fast) in Echtzeit und an lediglich drei zentralen Schauplätzen, sondern auch durchgehend nachts – mal abgesehen von der Schlussminute, in der die Sonne nach einer denkwürdigen Nacht über dem Horizont aufblitzt und die Freiburger Hauptkommissarin Franziska Tobler (Eva Löbau) ihrem Kollegen Friedemann Berg (Hans-Jochen Wagner) bei aufkommendem Tageslicht eröffnet, dass sie sich entgegen ihrer ursprünglichen Pläne nicht für die Leitung des Dezernats bewerben wird. Das kommt nicht von ungefähr: Ihr Vater Bruno (Michael Hanemann), der sie stets zur Bewerbung gedrängt hatte, ist gestorben und sie hat am Tag zuvor alles aus seinem Haus geholt, an dem sie noch hängt.
Ansonsten spielt die Horizontale im 17. Schwarzwald-Tatort, der es auf stolze 24 Drehnächte bringt, nur eine untergeordnete Rolle. Berg ist nach seiner Suspendierung im starken Vorgänger Das jüngste Geißlein wieder im Dienst, wenngleich er diesmal fast den gesamten Film über getrennt von Tobler auf Mördersuche geht: In einem Nachtclub wurde ein polizeibekannter Rocker erschlagen und der Intensivtäter Ramin Taremi (Omid Memar, Sonnenwende) steht unter Tatverdacht. Während Berg ihn im Beisein der (wie immer im Tatort) hochnäsig gezeichneten Anwältin Simin Nadjafi (Proschat Madani, Abgründe) auf dem menschenleeren Präsidium verhört, sucht Tobler im Club nach Spuren. Dabei wird sie erstmalig von Kommissarin Laura Babayan (Nairi Hadodo) unterstützt, die auch im nächsten Freiburger Tatort mitwirkt.
Dieses Setting birgt vermeintlich hohe Brisanz: Weil die Rockergang „Devils“ um Anführer Stefan „Batzi“ Ehrhardt (Sascha Maaz, zweiter Auftritt in dieser Rolle nach Ad Acta) kurzen Prozess mit den im Club verweilenden Angehörigen des mutmaßlichen Täters machen will und bei dröhnender Musik und qualmenden Motoren vor den Toren des Etablissements Stellung bezieht, gerät Tobler zwischen die Fronten – lockt die recht debilen Devils aber bald mit einem simplen Manöver vom Tatort weg. Ehe die Situation so richtig eskalieren kann, löst sich die so heikel anmutende Lage quasi auf Knopfdruck in Luft auf.
Das Herz dieses Krimis schlägt ohnehin woanders – und zwar rund um einen parkenden Einsatzwagen der Bereitschaftspolizei, die Taremis Streit mit dem Erschlagenen ein Ende gesetzt, den Tatort aber vor Toblers Eintreffen wieder verlassen hat. Die junge Truppe um „Oldie“ Wolle Heizmann (Andreas Anke, Das Opfer), Mahmoud Alma (Mouataz Alshaltouh), Miriam Kvelidze (Anna Bardavelidze, Kontrollverlust), Timo Sumser (Ben Felipe), Jakub Zulawski (Lasse Lehmann) und Pia Schölzel (Caroline Hellwig, Zerrissen) kriegt sich eine geschlagene Stunde lang darüber in die Wolle, wer denn nun was in den Bericht schreibt und wie mit der Tatwaffe, die sie noch bei sich führen, verfahren werden soll. Eines ist damit trotz finsterer Nacht schnell sonnenklar: Ramin Taremi ist nicht der Täter.
Entsprechend uninteressant gestalten sich Bergs mit latent rassistischen Provokationen durchsetzten Befragungen, die zudem einen wenig überraschenden Ausgang nehmen. Aber auch im Club kommt der Krimi selten auf Betriebstemperatur: Toblers Debatten mit Rezim Taremi (Arash Nayebbandi), dem Bruder des Verhörten, und Taremis Verlobter Shirin Mirsa (Awin Erfany) bringen den Fall erst spät voran und bekräftigen ansonsten vor allem den Glauben daran, dass Menschen mit Migrationshintergrund kein gutes Standing bei der Polizei haben. Dass man mit einem solchen Background in dieser Krimireihe aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit als Mörder ausscheidet, ist im enttäuschenden Drehbuch von Bernd Lange (Die Blicke der Anderen) nicht anders.
So plätschert der doppeldeutig betitelte 1336. Tatort unter Regie von Robert Thalheim, der mit Goldbach und Der Reini bereits zwei Schwarzwald-Drehbücher von Lange verfilmte, ohne echten Aufreger dialoglastig vor sich hin: Berg zofft sich halbherzig mit der Anwältin, Tobler und Babayan spulen im Club ein routiniertes Programm ab. Man hätte ein klaustrophobisches Kammerspiel oder einen reizvollen Perspektiven-Krimi im Stile des Münchner Hochkaräters Die Wahrheit oder der Hollywood-Produktion 8 Blickwinkel, in dem es die richtige unter vielen falschen Aussagen zu finden gilt, erzählen können – so aber wirkt das Ganze bis zum späten Eintreffen der „BePo“ wie eine mit düster-monotonem Score auf Spannung getrimmte Luftnummer.
Sind die zerstrittenen jungen Polizistinnen und Polizisten und ihr herrischer Einsatzleiter dann endlich vor Ort, geht es nach einer steifen Stell-du-dich-mal-da-und-du-dich-mal-dorthin-Nummer plötzlich bemerkenswert schnell: Ein Geständnis ohne Not, dass die Täterfrage eindeutig beantwortet, leuchtet in seiner Spontanität ebenso wenig ein wie die Überlänge der anstrengenden, sich im Kreis drehenden Streitgespräche im Vorfeld, bei denen die Beamten trotz Drohungen und Machtspielchen keinen gemeinsamen Nenner finden. Sie hätten sich auf wenige Minuten eindampfen lassen können – zum Wohle eines früheren, deutlich reizvolleren Zusammentreffens aller Beteiligten im Club. Ganz ohne wütende Rockergang vor der Tür.
Bewertung: 4/10
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Ausblick: Dieser Tatort läuft am nächsten Sonntag


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