Folge 1338
3. Mai 2026
Sender: SRF
Regie: Claudio Fäh
Drehbuch: Mathias Schnelting
So war der Tatort:
Am Anfang wie Köln und am Ende wie München.
Denn der letzte neue Tatort vor der Sommerpause 2026, die mit stolzen achtzehn (!) Sonntagen als längste in die Geschichte der traditionsreichen Krimireihe eingeht, startet mit einem echten Kitschmoment, wie wir ihn vor allem von den altgedienten Tatort-Kollegen Ballauf und Schenk gewöhnt sind: Nach einem fünfminütigen Prolog, in dem die Zürcher Kantonspolizistinnen Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher) noch außen vor bleiben, blicken die beiden auf einer Terrasse nachdenklich, ernüchtert und mit bedeutungsschwangerer Miene auf einen abgeschlossenen Fall zurück. Fehlt eigentlich nur noch das Rheinufer – oder der Zürichsee, den wir in Könige der Nacht leider nicht zu Gesicht bekommen.
Ein kleiner Fehlstart, denn aufgesetzte Dialoge wie diese haben dem Schweizer Tatort noch nie gut getan – ansonsten lassen sie sich im elften Fall der inzwischen prächtig harmonierenden Ermittlerinnen vor allem dann beobachten, wenn im Präsidium mal wieder die Zuständigkeiten mit der vorschriftstreuen Staatsanwältin Anita Wegenast (Rachel Braunschweig) verhandelt werden. Oder wenn der emsige IT-Spezialist Noah Löwenherz (Aaron Arens) sich beklagt, dass Grandjean und Ott seine heilige Work-Life-Balance aus dem Gleichgewicht bringen. Grund genug für ihn, sich bald in ein Sabbatical zu verabschieden, und seine Vertretung stellt er den angemessen verblüfften Kolleginnen mit dem lernwilligen Justus Reynier (Basil Eidenbenz) auch direkt vor.
Zu diesem Zeitpunkt ahnen wir noch nicht, in welche Richtung sich der Krimi entwickelt. Und der 1338. Tatort braucht – von einer wuchtig inszenierten Actioneinlage auf einem Baugerüst einmal abgesehen – auch fast eine Stunde, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Nach dem düsteren Prolog, bei dem die illegal in Zürich lebende Äthiopierin Moya Alemu (stark: Nambitha Ben-Mazwi) mit dem Dienstausweis ihrer legal gemeldeten Freundin Sanaa Mukambo (Nancy Mensah-Offei, Dreams) als Pizzabotin eine Lieferung zustellt, verwendet Tatort-Debütant Mathias Schnelting in seinem Drehbuch viel Zeit darauf, uns die Situation der Frau näherzubringen: Moya ist mit ihrem Neffen Yaro (André Nkot Olinga) und ihrer Schwester, die das Festland nicht lebend erreicht hat, in einem Schlauboot übers Mittelmeer nach Europa geflüchtet.
Ein noch immer brandaktuelles Thema, das schon 2011 im Bremer Tatort Der illegale Tod und in vielen Folgen nach der Flüchtlingskrise von 2015 verhandelt wurde. Im Frühjahr 2026 ist es aus den Nachrichten groteskerweise verschwunden, während zum Überlebenskampf des in der Ostsee gestrandeten Buckelwals Timmy Livestreams angeboten werden. Umso wichtiger sind Filme wie dieser: Moyas Einzelschicksal lässt uns nicht kalt, weil das Drama um jährlich Tausende Mittelmeer-Tote so ein Gesicht und eine konkrete Geschichte bekommt. Für die Kommissarinnen ist Moya in diesem mit vielen untertitelten, englischen Dialogen gespickten Krimidrama die wichtigste Zeugin, obwohl sie bei einer Gegenüberstellung einen vermeintlichen Blackout hat: Der Mann, dem sie im Prolog die Pizza übergibt, wurde wenig später erstochen und als Wasserleiche gefunden.
Dass ausgerechnet der besserverdienende Richter Dr. Urs Jacobi (Stefan Merki, Der schöne Schein) ins Visier der Polizei gerät, weil er sich in den erstochenen Sex-Arbeiter Ruben Jovanov (Yves Weckemann) verliebt hatte, entpuppt sich dabei früh als Ablenkungsmanöver vom wahren Mörder, passt aber ins Bild: Kritik an den Reichen und Schönen gehört im Tatort aus Zürich traditionell zum guten Ton (vgl. Fährmann oder Kammerflimmern). Die politisch weit links zu verortende Ott würde ihm sicher nur allzu gern Handschellen anlegen. Für das Stammpublikum der Krimireihe ist dabei irritierend, dass Merki bestens aus einer anderen Rolle bekannt ist; spielt er doch seit 2015 einmal im Jahr den Kripochef Dr. Mirko Kaiser im „Dadord“ aus Franken. Keine ganz glückliche Besetzung, wenngleich Merki auch für das SRF einen soliden Job macht und schnell wieder von der Bildfläche verschwindet.
So bleibt mehr Zeit für einen anderen Mann und vor allem für das packende Schlussdrittel, in dem der Film unter Regie von Claudio Fäh, der ebenfalls zum ersten Mal für einen Tatort am Ruder sitzt, zwei Gänge hochschaltet: Ein toller Twist entschädigt nach einer Stunde für die vorherigen Längen und bereitet das Fundament für ein temporeiches und aufwühlendes Finale, bei dem Moyas Überleben am seidenen Faden hängt. Auf der Zielgeraden punktet der Krimi schließlich mit dem einleitend erwähnten, stark an eine legendäre Tatort-Folge aus München erinnernden Moment der Menschlichkeit: Ähnlich wie die vier Wochen zuvor in den Unruhestand verabschiedeten Kult-Kommissare Batic und Leitmayr es 1995 im Tatort-Meilenstein Frau Bu lacht taten, zeigen Grandjean und Ott Herz und setzen sich im Sinne der Moral über die Vorschriften hinweg. Das macht sie uns noch sympathischer.
Bewertung: 7/10
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