Bild: WDR/BAVARIA FICTION/Martin Valentin Menke

Die letzten Menschen von Köln

Folge 1340

20. September 2026

Sender: WDR

Regie: Marcus Weiler

Drehbuch: Eva Zahn, Volker A. Zahn

So war der Tatort:

Einengend.

Für Zuschauende mit Klaustrophobie ist Die letzten Menschen von Köln deshalb nur bedingt empfehlenswert: Große Teile der 96. Tatort-Folge mit den altgedienten Hauptkommissaren Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär), die wie gewohnt von Kriminaltechnikerin Natalie Förster (Tinka Fürst), Rechtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) und ihrem Kollegen Norbert Jütte (Roland Riebeling) unterstützt werden, spielen in einem unterirdischen Bunker. In dem ist der Platz naturgemäß begrenzt, die Einrichtung spartanisch und das Licht stets künstlich – ein reizvolles, besonders im Thriller- und Horror-Genre gern gewähltes Setting.

In der beliebtesten deutschen Krimireihe gab es solche Ausflüge ebenfalls schon – zuletzt 2026 im Berliner Tatort Gefahrengebiet, aber auch 2023 im Bremer Bug-Out-Tatort Angst im Dunkeln oder 1996 im Münchner Obdachlosendrama Schattenwelt. So intensiv wie im 1340. Tatort wurde die einengende Location im Tatort allerdings noch nie bespielt: Gleich zu Beginn bricht Elara Schmidtke (Katharina Schüttler, Dunkle Wege) zu einem Survivaltraining in einem Bunker unter Leitung von Moritz Zechmann (Florian Stetter, … es wird Trauer sein und Schmerz) auf und verlässt ihn erst kurz vorm Abspann wieder. Derweil finden die Kölner Kriminalisten ihren Bruder Linus Makris (Bastian von Bömches) mit durchgeschnittener Kehle in einem Park auf.

Im Drehbuch des Autorenduos Eva und Volker A. Zahn, die in den Jahren zuvor den ebenfalls von Regisseur Marcus Weiler inszenierten Kölner Fall Hubertys Rache sowie die Kölner Folgen Abbruchkante, Siebte Etage und Colonius schrieben, laufen von nun an zwei Handlungsstränge parallel: Während Ballauf und Schenk die familiären Hintergründe des Opfers klären und Bekanntschaft mit der Pferdehof-Betreiberin Birgit Heitkamp (Ann-Kathrin Kramer, Strahlende Zukunft) machen, läuft im Untergrund das Survivaltraining. Neben Schmidtke nehmen auch Moritz Zechmanns 16-jähriger Sohn Mats (Paul Ahrens, Katz und Maus), der Gerüstbauer Julian Verhage (Dominik Flade) und der Buchhalter Marco Ritter (Denis Marshall Ölmez, Fiderallala) daran teil.

Sie alle sind der Prepper-Szene zuzuordnen, mit der Zechmanns daheim gebliebene und auffallend nervöse Gattin Nina (Katrin Wichmann, Borowski und das Glück der Anderen) wenig anfangen kann. Und in der müssen beim Bug-In-Training im Zivilschutzbunker Köln-Kalk strikte Regeln befolgt werden: Enge und Dunkelheit wollen ausgehalten, Befehle ohne Murren befolgt und Endzeit-Szenarien durchgespielt werden. Die Nutzung von Telefonen ist streng untersagt – was es für Jütte, der Schmidtkes Handy vergeblich zu orten versucht, nicht einfacher macht.


BALLAUF:
Warum dauert denn das so lange? Jetzt schnapp dir doch einfach ’n paar Kollegen und klapper die einzelnen Bunker ab!

JÜTTE:
Ja, und dann? Sollen wir da höflich anklopfen oder klingeln? Wenn die Dinger zu sind, sindse zu, deshalb sind’s ja Bunker.

Im Stile klaustrophobischer Psychothriller wie Das Experiment durchlaufen die Teilnehmenden des Workshops dabei Angstsituationen und Phasen klassischer Gruppendynamik. Emotional auf die Spitze getrieben wird das Geschehen unter der Erde allerdings erst, als Schmidtke den Workshop abbrechen und wieder ins Freie entlassen werden will. Ohnehin scheint sie von Beginn an einen anderen Plan zu verfolgen, als sich nur für den Fall einer über der Domstadt abgeworfenen Atombombe zu rüsten: Dass sie ein Abhörmikrofon in Form eines großen Herzens an einer gut sichtbaren Kette um den Hals trägt, wirkt allerdings unfreiwillig komisch und vermag Survivaltrainer Zechmann auch nicht lange hinters Licht zu führen.

Dennoch entspinnt sich unter der Erde ein fiebriges Szenario, das deutlich mitreißender ist als das überirdische Geschehen: Routiniert durchlaufen Ballauf und Schenk die üblichen Stationen eines klassischen Whodunits. Sie befragen Verdächtige und werten neben Hinweisen und Aussagen das aus, was sie an Menschen beobachten – und kommen dennoch nur mühsam voran. Erst durch einen Hinweis auf den Katastrophenschutz und den rätselhaften Tod von Schmidtkes Mutter Sonja Makris (Andrea Wolf, Der Tote vom Straßenrand) bei einer Flutkatastrophe kommt Bewegung ins Geschehen. Das Thema passt zweifellos hervorragend zu NRW, wird hier aber nicht mit dramatischen Einspielern ausgeschlachtet.

Und es hält ein weiterer Katastrophenfall Einzug ins Drehbuch: Dass in der Stadt am Rhein gerade eine Weltkriegsbombe entschärft und sich die Kölner Tatort-Tradition nach Bombenstimmung und Bombengeschäft gewissermaßen fortsetzt, bringt aber keine Brisanz in den Krimi. Nahezu nichts würde sich ändern, wäre die Bombe längst entschärft worden: Im Bunker bekommen die Teilnehmenden nichts davon mit und sowohl der Pferdehof als auch Zechmanns Wohnhaus, das Ballauf und Schenk mehrfach aufsuchen, liegen nicht im Sperrgebiet. Dennoch trifft der Film auch in dieser Hinsicht den Zeitgeist: Wenige Wochen vor der TV-Premiere wurden in Köln nach dem Fund einer Fliegerbombe unter anderem die RTL-Studios evakuiert.

Die Auflösung der Täterfrage wiederum ist nicht sonderlich knifflig konstruiert – dafür sorgen Katrin Wichmann und vor allem die groß aufspielende Katharina Schüttler für einige schauspielerische Glanzlichter. Unterm Strich ist es nicht zuletzt den beiden Darstellerinnen zu verdanken, dass sich der Tatort positiv vom soliden Mittelmaß abhebt. Die letzten Menschen von Köln bleibt ansonsten vor allem durch sein spannendes unterirdisches Setting in Erinnerung.

Bewertung: 6/10


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