Bild: SWR

Bienzle und die blinde Wut

Folge 427

14. November 1999

Sender: SWR

Regie: Hartmut Griesmayr

Drehbuch: Felix Huby

So war der Tatort:

Beziehungsfixiert.

Denn im zehnten Tatort mit LKA-Kommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck), der mit kitschigen Nahaufnahmen der wichtigsten Filmfiguren eröffnet, erhält der schwäbische Kriminalist tiefe Einblicke in die zerrüttete Beziehung eines Sägewerk-Besitzers und einer jungen Frau, die ihr Herz an einen anderen Mann verloren hat: Das Drehbuch von Stammautor Felix Huby (Bienzle und der Zuckerbäcker) thematisiert tatsächliche und vermeintliche Seitensprünge sowie das Gerangel um Erbschaften und widmet sich dabei der Frage, wie weit Menschen gehen, um ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Auch Bienzles eigene Beziehung zu Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) rückt im 427. Tatort, der nur wenige Minuten in Stuttgart spielt, so sehr in den Blickpunkt wie selten.

Hannelore feiert in Bienzle und die blinde Wut nämlich Geburtstag – verbringt ihn aber nicht mit Bienzle, von dem sie weiterhin getrennt lebt, sondern mit Dr. Stefan Brink (Matthias Ponnier, Bienzle und der Traum vom Glück), der sie bei der Arbeit an ihren Bildern unterstützt und der Berufsmalerin offenbar den Hof macht. Das befürchtet zumindest der Kommissar, der den beiden unbemerkt ins (fiktive) Dörfchen Heimerbach auf der Schwäbischen Alb folgt und sich sogar im selben Hotel einquartiert. Hannelore lässt sich allerdings ungern beschatten und ertappt Bienzle auf frischer Tat – und so stehen dessen verzweifelte Versuche, seine Ex-Freundin für sich zurückzugewinnen, von Beginn an unter keinem guten Stern.

Der Zufall will es, dass Bienzle bei seinem privaten Ausflug (gedreht wurde in Kirchheim unter Teck und Ochsenwang) ähnlich wie in seinem dritten Tatort Bienzle und das Narrenspiel außerhalb seines Kernzuständigkeitsbereichs in einen Mordfall stolpert: Beim bereits erwähnten Sägewerkbesitzer und späteren Mordopfer handelt es sich um Albert Horrenried (Paul Faßnacht, Willkommen in Köln), der im ersten Filmdrittel seinen erbosten Angestellten Peter Schäfer (Bernd Tauber, Bienzle und der tiefe Sturz) feuert, ein finanzielles Hilfsgesuch seines klammen Bruders Martin (Thomas Goritzki, Bienzle und die schöne Lau) hämisch abschmettert und seinen Neffen Uli (Bernd Gnann, Bienzle und der Champion) beim Knutschen mit seiner Lebensgefährtin Claudia Kranzmeier (Simone Thomalla, mimte von 2008 bis 2015 die Leipziger Tatort-Kommissarin Eva Saalfeld) beobachtet.

Das wird dem unbeliebten Unternehmer zu viel: In seiner titelgebenden Wut vergewaltigt er seine Partnerin, zerlegt sein halbes Sägewerk und ist am nächsten Morgen tot – niedergeschlagen und qualvoll erstickt in einem riesigen Berg aus Sägemehl. Ein spektakulärer Anblick, der sich Bienzle und dem in Heimerbach zuständigen Polizisten Hammer (Reinhold Ohngemach, Der schwarze Engel) unter Regie von Hartmut Griesmayr (Bienzle und die Feuerwand) da bietet – und auch Bienzles treuer Stuttgarter Kollege Günter Gächter (Rüdiger Wandel) darf noch einen Blick auf die Leiche erhaschen, obwohl er erst nach einer Dreiviertelstunde des Films auf der Alb aufschlägt. Wenngleich Gächter im spannenden Vorgänger Bienzle und der Zuckerbäcker den Tod seiner Geliebten verkraften musste, sind der Frohnatur dabei keine Nachwirkungen anzumerken.


GÄCHTER:
Tach, da bin ich!

BIENZLE:
Was? Du? Ich hab doch gesagt „Verstärkung“.

GÄCHTER:
Und ich hab gedacht, du wolltest hier Urlaub machen.


Eine so lange Wartezeit auf die erste Leiche ist nicht nur für einen 90er-Jahre-Tatort ungewöhnlich, tut der Charakterzeichnung in dieser klassischen Whodunit-Konstruktion aber unheimlich gut. Ehe Horrenried das Zeitliche segnet, dürfen wir uns vom Wesen des Mordofers und allen, die sein herrisch-unsympathisches Treiben täglich ertragen, nämlich ein umfassendes Bild machen: Seine Angestellten im Sägewerk fürchten und verachten ihn, sind in Zeiten der Wirtschaftsflaute aber von ihm abhängig, sein hasserfüllter Bruder bedauert seine Verwandtschaft bei einem Streit in Bienzles Beisein und vor allem Claudia Kranzmeier würde sich lieber heute als morgen von ihrem tyrannischen Partner lossagen, um mit Horrenrieds Neffen Uli durchzubrennen.

Auch die Beziehung dieses heimlichen Paares rückt in diesem Krimi in den Fokus: Schnell schleicht sich nicht nur bei Claudia, sondern auch bei uns der Verdacht ein, dass die Liebe vorwiegend von ihr ausgeht und es Uli gelegen kommt, auf die üppige Erbschaft seines Onkels Zugriff zu erhalten. Simone Thomalla, später oft für ihr wenig facettenreiches Mienenspiel in der Rolle der Leipziger Tatort-Kommissarin kritisiert, bietet das die Gelegenheit, sich bei ihrem zweiten Engagement für die Krimireihe nach Berliner Weiße überzeugend in den Vordergrund zu spielen: Ins Gedächtnis gräbt sich vor allem die beklemmende Vergewaltigungsszene, in der der frustrierte Horrenried über seine schutzlose Partnerin herfällt und ihren nackten Körper danach mit Geldscheinen beschmeißt, um die Demütigung auf die Spitze zu treiben.

Auch die übrigen Tatverdächtigen erhalten vom Drehbuch viel Charakterschärfe, so dass Bienzle und die blinde Wut nicht nur als Krimi zum Miträtseln, sondern auch als Dorf- und Beziehungsdrama überzeugt. Das im Tatort auch Jahrzehnte später noch häufig zu beobachtende Klischee von störrischen und verschlossenen Hinterwäldlern (vgl. Hexentanz oder Lass sie gehen) lässt das Drehbuch dabei erfreulicherweise oft aus: Weder gibt sich der Provinzpolizist Hammer zu naiv, talentfrei oder einfältig, noch muss Bienzle sich mit einer typischen eingeschworenen Dorfgemeinschaft herumärgern, die keinen Eindringling duldet – was freilich nicht heißt, dass dieser Tatort ohne Dialekt und Lokalkolorit auskäme.

Ganz im Gegenteil: Kriminalisten und Kriminelle schwäbeln um die Wette und die Geschichte gipfelt in einer packenden Verfolgungsjagd mit herrlichem Teck-Ausblick. So prachtvoll die Naturkulisse und so steil der Abhang, an dem das Finales spielt, so tief sind auch die menschlichen Abgründe, in die wir auf der Zielgeraden des Films blicken. Bienzle lässt das nicht kalt: Wir erleben ihn zwar Hannelore gegenüber sehr reumütig – obwohl es ja SIE war, die ihn in Bienzle und der tiefe Sturz mit Rechtsmediziner Dr. Bernhard Kocher (Klaus Spürkel) betrog – ansonsten aber oft schroff und autoritär. Kein unbedingt sympathischer Auftritt, aber trotz hoher Vorhersehbarkeit in der Täterfrage ein bis in die Schlussminuten reizvoller Krimi.


BIENZLE:
Was heißt hier „nicht weisungsbefugt“? Das ist mir scheißegal! Und wenn ihr nicht spurt, dann könnt ihr was erleben, das verspreche ich euch! Klar?

Bewertung: 7/10


Kommentare

Neue Kommentare werden nicht sofort veröffentlicht, sondern in der Regel binnen kurzer Zeit durch die Redaktion freigeschaltet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert