Bild: SWR

Bienzle und der heimliche Zeuge

Folge 469

6. Mai 2001

Sender: SWR

Regie: Arend Agthe

Drehbuch: Felix Huby

So war der Tatort:

Urschwäbisch.

Denn in kaum einer zweiten Tatort-Folge mit dem Stuttgarter LKA-Kommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck) schimmern so viele Gepflogenheiten und Merkmale durch, die man dem Volk aus dem Ländle nachsagt – und nicht zuletzt wird auch in Bienzle und der heimliche Zeuge natürlich munter Dialekt geschwätzt. Das Drehbuch zum dreizehnten Bienzle-Tatort stammt erneut aus der Feder von Felix Huby (Bienzle und der Biedermann), der bis dato zwölf Bienzle-Geschichten verantwortet, während auf dem Regiestuhl eine Debütantin Platz nimmt: Arend Agthe (Bienzle und der süße Tod), die später noch drei weitere Folgen aus Stuttgart inszeniert, gelingt mit ihrem Erstling für die Krimireihe ein bis in die Schlussminuten spannender Fall – mit einigen Abzügen in der B-Note.

Doch zunächst zum Schwäbischen: Da ist zuallererst der Urschwabe Bienzle, der sich mit seiner Wieder-Partnerin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) nach der Trennung in Bienzle und der tiefe Sturz und einigem Hin und Her in den Tatort-Folgen danach versöhnt hat und ihr in seiner frisch angemieteten Wohnung das Atelier für ihre Arbeit untervermietet: Während Hannelore sich – wie auch immer sie damit Geld verdient – neuerdings auf das Aktzeichnen spezialisiert hat und sehr zu Bienzles Argwohn den einen oder anderen gut gebauten, nackten Jüngling an ihrer Wirkungsstätte begrüßt, sehen wir den Kriminalisten diesmal unter anderem beim fachkundigen Spätzle-Schaben vom Brett. Ein echter Schwabe verarbeitet den Teig natürlich selbst und greift nicht etwa auf Fertigprodukte aus dem Supermarkt zurück.

Auch Bienzles Vermieter Rominger (Walter Schultheiß), den wir bei der Mietvertragsunterzeichnung im überzeugenden Vorgänger Bienzle und das Doppelspiel bereits kurz kennenlernen durften und der von nun an Stammgast in den Stuttgarter Krimis ist, entpuppt sich endgültig als verbohrter Bruddler, der keine Versäumnisse beim Einhalten der berühmt-berüchtigten Schwäbischen Kehrwoche duldet. Und macht das seinem verdutzten Mieter bei einer kurzen Begegnung im Treppenhaus auch unmissverständlich klar:


ROMINGER:
Ah, Herr Bienzle. Sie wissen doch, dass Sie mit der Kehrwoche dran sind?

BIENZLE:
Ja, und? Ist doch alles sauber.

ROMINGER:
Vorgestern habe ich das Blättle hier auf die Treppe gelegt. Und heute liegt’s immer noch da. Es ist also nicht gekehrt worden, geschweige denn gewischt.

BIENZLE:
Sie könnten glatt bei uns anfangen.

Auch ein Prachtexemplar einer neugierig-argwöhnischen Hausfrau hinterm Vorhang, die dank des Blicks aus dem Fenster über das Treiben in der Nachbarschaft stets bestens informiert ist, darf im 469. Tatort nicht fehlen – es gibt sie sicherlich auch außerhalb von Baden-Württemberg, aber in dieser Häufung findet man sie vielleicht nur noch in den nicht gentrifizierten Wohnbezirken schwäbischer Groß- und Kleinstädte. In Bienzle und der heimliche Zeuge beobachtet sie unter anderem, wie der Tontechniker Paul Jareis (Jeffrey Zach) von der Kripo abgeführt wird und sieht sich in ihrer Feindseligkeit gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund bestätigt.

Jareis ist der alleinerziehende, chronisch klamme Vater des im Knabenchor singenden Christian (Ludwig Trepte, Aus dem Dunkel) und damit der Erziehungsberechtigte für die Schlüsselfigur des Films: Als titelgebender heimlicher Zeuge beobachtet Christian den Mord an der Knabenchor-Managerin Barbara Massenbach (Susanne Czepl), kann aber nur die Hosenbeine und die auffällig gemusterten Schuhe des Mannes erkennen, der Massenbach mit einem Messer das Leben nimmt. Inszeniert wird der Mord in etwas überraschender Alfred-Hitchcock- oder Edgar-Wallace-Ästhetik und bildet zugleich den Auftakt zu einem Whodunit klassischer Bauart, bei dem sich neben seinem (viel zu verdächtigen und aufrichtigen) Vater gleich drei Männer mit schwarzen Hosenbeinen für die Auflösung der Täterfrage aufdrängen.

Da sind allen voran der schwule Pfarrer Bernd Keitel (Stephan Schwartz, Der Hammer) und sein heimlicher Partner, der Chorleiter und Dirigent Marcus Canteni (Michael Lott, Verborgen): Massenbach gegenüber konnte Canteni seine Homosexualität nicht länger leugnen und wäre für sie als Chef eines Knabenchors ebenso wenig tragbar gewesen wie für ihren Liebhaber Henry Buchenhöfer (Mauerblümchen). Der mindestens genauso tatverdächtige Mann sammelt als zukünftiger Intendant der Stuttgarter Schlossfestspiele massenhaft Antipathiepunkte – ein arrogantes Ekelpaket, dessen unverhohlen vorgetragene Homophobie in der Zeit um die Jahrtausendwende leider deutlich salonfähiger war, als sie es heute wäre.

Das Drehbuch wirkt beim Umgang mit Queerness nicht immer glücklich: Späteren Missbrauchsskandalen der Kirche zum Trotz klingen die Mahnungen, Homosexualität und Pädophilie nicht automatisch in einem Atemzug zu nennen, einfach zu zaghaft. Bienzle und der heimliche Zeuge ist in dieser Hinsicht nicht gut gealtert. Wenigstens Bienzle, der sich im ähnlich schwierigen Krimi Bienzle und der Mord im Park bereits lautstark gegen die Diskriminierung von Obdachlosen stark machen musste, zeigt klare Kante. Sein Kollege Günter Gächter (Rüdiger Wandel) und der in den Folgen davor mehrfach fehlende, nach seiner Affäre mit Hannelore aber offenbar wieder willkommene Rechtsmediziner Dr. Bernhard Kocher (Klaus Spürkel) sorgen hingegen eher für die heiteren Zwischentöne.

Als Krimi überzeugt der zu großen Teilen im Kloster Alpirsbach gedrehte Film aber: Ehe der Tatort in einem packenden Finale auf der Stiftskirche gipfelt und dabei einen prachtvollen Ausblick auf den Schlossplatz gewährt, begleiten wir Bienzle bei seinen Recherchen und den Chorknaben Christian in Abstinenz seines Vaters bei einer lebensgefährlichen Odyssee. Für den damals blutjungen, heute fest im Schauspielgeschäft etablierten Ludwig Trepte (Heimatfront) war die anspruchsvolle Rolle als traumatisierter Zeuge und Chorsänger, der seinen Vater mit allen Mitteln aus der Patsche retten will, der Durchbruch für die Karriere im Kino und Fernsehen: Während die anderen Kinder schauspielerisch limitiert agieren, dürfte sich Trepte mit seiner bemerkenswerten Performance auf zahlreiche Notizzettel gespielt haben.

Und dann ist da noch die vielleicht witzigste Szene der gesamten Bienzle-Ära: Hannelore gewährt dem Kunstbanausen einen Blick auf die Aktzeichnung, die sie soeben fertiggestellt hat – und der ist angemessen überrascht, seinen eigenen nackten Körper auf dem Bild zu erkennen. Köstlich!


BIENZLE:
Aber ich hab doch gar nicht…

HANNELORE:
Na, dich mal ich doch aus dem Gedächtnis.

Bewertung: 7/10


Kommentare

Neue Kommentare werden nicht sofort veröffentlicht, sondern in der Regel binnen kurzer Zeit durch die Redaktion freigeschaltet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert