Folge 525
2. März 2003
Sender: SWR
Regie: Hartmut Griesmayr
Drehbuch: Felix Huby
So war der Tatort:
Schwäbisch-provinziell.
Hauptkommissar Ernst Bienzle (Dietz Werner Steck) ermittelt bei seinem siebzehnten Einsatz im Ländle nämlich erneut fernab seiner Stuttgarter Wahlheimat in der Provinz: Nachdem es den Ermittler bereits in Bienzle und die schöne Lau nach Blaubeuren, in Bienzle und das Narrenspiel in den Ravensburger Fasnetstrubel und in Bienzle und die blinde Wut auf die Schwäbische Alb verschlug, stolpert er in Bienzle und der Tod im Teig in einen Mordfall im fiktiven Weisangen, das im Hohenlohekreis angesiedelt ist (gedreht wurde aber in Loffenau). Nachdem er sich auf der Heimfahrt von einer Dienstreise am frühen Morgen frische Brezeln bei Bäcker Manfred Grabosch (Franz Viehmann, Dagoberts Enkel) besorgt, hängt Grabosch tot in seiner eigenen Teigmaschine.
Zunächst sieht alles danach aus, als habe seine eigene Gattin den Handwerksmeister auf dem Gewissen: Nachdem sein Sohn Maik (Christof Arnold, Bienzle und der Mann im Dunkeln) Grabosch eröffnet hat, dass seine Frau Kathrin (Pamela Knaack, Hochzeitsnacht) ihn betrügt, kommt es zum Streit und zu Handgreiflichkeiten, bei denen Maiks Stiefmutter den Bäcker mit einer Eisenstange attackiert. Ehe wir aber erfahren, ob sie ihren Mann auch im Teig erstickt hat, folgt im Film ein Schnitt. Mindestens genauso verdächtig wie Maik, der seinen Vater vergeblich um finanzielle Unterstützung gebeten hatte, ist neben der Ehefrau auch deren Geliebter Hannes Riebenschlag (Thomas Anzenhofer, Bombenstimmung), der ein Kieswerk betreibt und im Ort viel Einfluss genießt.
Apropos vor Ort: In Weisangen ist der engstirnige Oberkommissar Löffler (Thomas Goritzki, Fakten, Fakten …) zuständig – und der ist wenig „amused“, dass der Oberstaatsanwalt Bienzle spontan auf den Fall ansetzt und Löffler telefonisch anordnet, den Stuttgarter Kollegen in die Ermittlungen einzubeziehen. Kaum hat Löffler den Hörer aus der Hand gelegt, lässt er seinem Ärger freien Lauf.
Bienzle bucht sich ein Zimmer in der Dorfwirtschaft und funktioniert deren Festsaal zur Ermittlungszentrale um – eine Konstellation, die wir auch aus vielen Tatort-Folgen mit Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) kennen, die vor allem in den 2000er Jahren regelmäßig für das LKA aus Hannover in die niedersächsische Provinz geschickt wurde, um Mordfälle in verschlossenen Dorfgemeinschaften aufzuklären und tief in menschliche Abgründe zu blicken. So liegt der Fall auch hier: Je länger sich Bienzle in dem verschlafenen „Kuhnest“ bewegt, aus dem fast alle Einheimischen weg wollen, aber den Absprung nicht schaffen, desto mehr Dorfbewohner lernen wir kennen.
Neben dem kooperativen Landarzt Clemens Steinborn (Bernd Tauber, Direkt ins Herz), der die Leiche in der Backstube inspiziert, und seiner seltsam entrückt wirkenden Tochter Maruschka (Felicitas Woll) sind da auch vier Männer, die ein Geheimnis miteinander teilen: Sie treffen sich – natürlich – an einem Stammtisch in ausgerechnet der Wirtschaft, in der Bienzle sein Quartier bezogen hat, und tragen ihre Konflikte in seinem Beisein aus. Nicht unbedingt glaubwürdig, für die Charakterzeichnung und die Indiziensammlung bei der Suche nach der Antwort auf die Täterfrage der klassischen Whodunit-Konstruktion aber sehr praktisch. Für nahezu jeden Dorfbewohner ergibt sich bald ein Motiv, und so ist der Mord am unbeliebten Grabosch jedem zuzutrauen.
Auch zum soliden Vorgänger Bienzle und der süße Tod ergeben sich große Parallelen: Beide Krimidramen lesen sich zunächst als Dreiecksgeschichte mit Kindesbeteiligung, bei der eine Person das Zeitliche segnet – doch auch in Bienzle und der Tod im Teig kristallisiert sich mit zunehmender Spieldauer heraus, dass mehr hinter dem Todesfall steckt als nur der einleitend naheliegende Liebhaber- oder Eifersuchtsmord. Fast zwangsläufig muss die Auflösung der 525. Tatort-Folge über die von Felicitas Woll grandios verkörperte, mit auffällig viel Kamerazeit gesegnete Maruschka und ihr rätselhaftes Verhältnis zu den Kegelbrüdern am Stammtisch führen: Neben Riebenschlag sind dort auch regelmäßig Motorradfahrer Alfons Keck (Paul Faßnacht, Schatten) und Apotheker Kurt Marstaller (Christof Wackernagel, Altlasten) anzutreffen.
Wohin der Hase in diesem Film läuft, ist nach gut einer Stunde abzusehen, was freilich nicht heißt, dass der Tatort auf der Zielgeraden an Dynamik verlieren würde. Regisseur Hartmut Griesmayr (Bienzle und der Todesschrei), der schon seinen siebten Bienzle-Fall inszeniert, und Stammautor Felix Huby (Bienzle und der Biedermann), der sein fünfzehntes Drehbuch beisteuert, gelingt vielmehr ein prickelnd arrangiertes Sniper-Stück, das mehrfach in die Ego-Shooter-Perspektive wechselt. Die unbekannte Person am Zielfernrohr ist im Schlussdrittel zwar leicht zu erraten, dafür bleibt bis zuletzt spannend, ob weitere Mordanschläge verhindert werden können. Nicht jeder Handlungsaspekt ist dabei bis ins Detail schlüssig – dass etwa ein belastendes Video vom Täter nicht vernichtet, sondern amateurhaft versteckt wurde, will so gar nicht einleuchten.
Und da ist eine weitere Parallele zu Bienzle und der süße Tod und zu Bienzle und der Tag der Rache, die den Unterhaltungswert der ansonsten überzeugenden Folge erheblich schmälert: Waren es im Vorgänger und Vor-Vorgänger die Sequenzen mit Patentante Gerlinde oder Bernhardiner Agamemnon, die den geschlauchten Kommissar nach Feierabend auf Trab hielten und unnötig seichte Erzähltöne anstimmten, quetscht Huby diesmal einen Einbruch in Bienzles Stuttgarter Wohnung in die Geschichte. Dessen aufgewühlte Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) und der gewohnt neugierige, aber auch irritierend gleichgültige Vermieter Rominger (Walter Schultheiß) sollen durch diesen überflüssigen, bemühten Nebenhandlungsstrang noch zu ihrem Recht kommen; einen Mehrwert liefern diese Momente aber allenfalls für die Horizontale.
Auch Bienzles Kollege Günter Gächter (Rüdiger Wandel), der ähnlich wie in Bienzle und die blinde Wut erst spät vom Kommissar zur Unterstützung in die Provinz zitiert wird, erhält durch die Ermittlungen im Einbruchsfall noch ein wenig Kamerazeit – ansonsten ist Bienzle diesmal aber so klar wie selten der alleinige Dreh- und Angelpunkt der Ermittlungen. Unterm Strich landet sein siebzehnter Fall im Mittelfeld der insgesamt fünfundzwanzig Bienzle-Folgen: Weniger Hannelore und mehr Maruschka hätten diesem Tatort gut zu Gesicht gestanden.
Bewertung: 6/10


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