Folge 1332
22. März 2026
Sender: HR
Regie: Rick Ostermann
Drehbuch: Sebastian Heeg, Tom Schilling
So war der Tatort:
Inspiriert von der Grenfell-Katastrophe von 2017.
Ähnlich wie der verheerende Brand im Londoner Grenfell-Tower, bei dem 72 Menschen starben, dreht sich Fackel nämlich um einen fatalen Hochhausbrand in der (fiktiven) Frankfurter Goliath-Siedlung sowie die Rollen von Politik, Baubetrieben und Materialprüfern bei dieser Tragödie – und doch ist der dritte Einsatz von Maryam Azadi (Melika Foroutan) und Hamza Kulina (Edin Hasanovic) kein klassischer Polit- und Machenschaftsthriller. Vielmehr richtet das Drehbuch von Tatort-Debütant Sebastian Heeg und Schauspieler Tom Schilling (Auskreuzung) den Scheinwerfer auf die Angehörigen und eröffnet zugleich bedrückende Parallelen zum rassistischen Anschlag von Hanau, der gut 20 Kilometer entfernt von Frankfurt stattfand und deren Hinterbliebene noch immer für die Aufklärung der Tat kämpfen (beklemmend dokumentiert in der Doku Das deutsche Volk).
Die Abteilung Altfälle kommt diesmal zu ihrem Fall wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kinde: Bei einer Kundgebung trifft Hamza Kulina seine Ex-Freundin Almila Adak (Seyneb Saleh), die ihre Mutter bei dem Brand in Frankfurt verlor und nun gemeinsam mit Anderen dafür demonstriert, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Parallel zu diesem Treffen tagt ein Untersuchungsausschuss, der drei Tage später sein Ergebnis bekanntgeben will und dem Baustoffunternehmer Steffen Böttcher (Stephan Luca) auf den Zahn fühlt. Der weist zum Ärger der Hinterbliebenen aber jede Schuld von sich, weil das von seiner Firma produzierte Polystyrol entgegen der Vorschriften verbaut wurde.
Weil seine verzweifelte Ex-Freundin ihn darum bittet, setzt sich Kulina trotz geringer Hoffnung auf Ergebnisse mit dem Fall auseinander und weiht auch Azadi in seine Nachforschungen ein – denn da ist ja noch ein Suizid aus dem Jahr des Unglücks, der womöglich keiner war und von den Kollegen der Frankfurter Mordkommission um den schmallippigen Christian Möller (Michael Schenk, Fangschuss) vorschnell zu den Akten gelegt wurde. Der für die Materialprüfung verantwortliche Experte lag einst tot in seinem Wagen, was Azadi und Kulina den Einstieg in das Aufrollen eines Falls bietet, der ansonsten deutlich den Rahmen gesprengt hätte. So aber fügt er sich elegant in das 90-minütige Cold-Case-Konzept ein.
Unter Regie von Rick Ostermann, der bereits den überzeugenden Vorgänger Licht inszenierte, sind die Rollen von Gut und Böse dabei klar verteilt. Auf der einen Seite stehen Opfer und Hinterbliebene; Normalverdiener mit dem Herz am rechten Fleck und Migrationsgeschichte, deren Schicksal uns nicht kalt lässt. Und auf der anderen Seite die skrupellose, betuchte Oberschicht, die in sterilen Vorstadtvillen wohnt und sich glimpflich aus der Affäre zu ziehen versucht. Der Kontrast zwischen diesen ungleichen Welten wird in diesem Krimidrama oft ironisch überhöht – etwa dann, wenn sich Azadi in Böttchers Firmenzentrale ein stilles Wasser einschenken lässt, seiner Ehefrau Simone (Katharina Heyer, Der scheidende Schupo) aber im Präsidium einen Latte Macchiato mit Honig reicht. Oder wenn die Gattin des wohlhabenden Bürogolfers ihre Autoschlüssel nicht finden kann.
Ein Spiel mit den Klischees, keine Frage. Und es zeichnet sich auch schnell ab, aus wessen Reihen der Mörder im 1332. Tatort kommt. Fackel ist trotzdem ein mitreißender Tatort, weil er für Kulina zum emotionalen Ritt wird und ihn auf der Zielgeraden sogar zu Tränen rührt: Die politische Dimension des Jahres 2026 (thematisiert werden etwa Baumaßnahmen zum Erreichen der Klimaziele) erzählt der Film über Kulinas ehrliche, unaufgesetzte Betroffenheit und nicht über die üblichen, in der Regel sehr ausrechenbaren Scharmützel zwischen Ministerien, Wirtschaftsbossen und Kriminalisten, die sich in diesem Tatort wieder mit der maximal unsympathischen Kripoleiterin Sandra Schatz (Judith Engel) herumschlagen müssen.
Dass Azadi und Kulina selbst in Bedrängnis geraten – beide finden etwas in ihrer Post – wird zwar als abstrakte Bedrohung angedeutet, aber kaum für das Schüren künstlicher Spannung genutzt. Wirklich brenzlig wird es für sie nicht, was die Konventionen der Krimireihe variiert, die oft auf solche Manöver setzt. Als Cold Case fungieren weniger die vertuschten Umstände des Brands, sondern die des vermeintlichen Suizids. Dessen Neubetrachtung erfordert akribische Arbeit und einen Blick für Details, die die überraschend negativ gezeichneten Kollegen der Mordkommission – im Tatort ebenfalls eine bemerkenswerte Ausnahme – einst übersehen haben. Übersehen wollten? Ein toller Twist, der uns kurz vor dem dramatischen Finale wie aus dem Nichts erwischt, gibt eine klare Antwort auf diese Frage.
Die Abteilung Altfälle, in der es bei den vielgelobten ersten zwei Einsätzen auch mal rumorte, präsentiert sich bei ihrem dritten Tatort damit als eingeschworenes Duo, das sich blind vertraut, perfekt harmoniert und seinen Status als neuer Publikumsliebling untermauert. Bodenständige Ermittlungsarbeit, sympathisch-authentische Kriminalisten und eine schnörkellose Erzählweise – vielmehr braucht es für einen gelungenen Tatort manchmal gar nicht. Auch das Privatleben der beiden – Kulina besucht mehrfach seine Mutter Emina (Gordana Boban), die wir schon im mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Erstling Dunkelheit kennenlernen durften – wird wohldosiert in die Handlung eingebettet, konzentriert sich aber weiterhin auf die männliche Hälfte des Duos.
Bewertung: 8/10
Drehspiegel: So geht es im Frankfurter Tatort weiter
Ausblick: Dieser Krimi läuft am nächsten Sonntag
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