Folge 1335
12. April 2026
Sender: WDR
Regie: Isabell Suba
Drehbuch: Arne Nolting, Jan Martin Scharf
So war der Tatort:
Kindgerecht.
Denn abgesehen davon, dass im trubeligen und mit Split-Screens aufgepeppten 95. Fall der Kölner Hauptkommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) die Bedeutung des Wortes Gerechtigkeit für Kinder im Grundschulalter erklärt wird, dürfte auch das jüngere oder aufmerksamkeitsschwache Publikum bei diesem harmlosen Krimi wenig Mühe haben, dem Geschehen zu folgen: Gemütlich und geradlinig plätschert Showtime unter Regie von Isabell Suba, die bis dato noch nicht für die Krimireihe aktiv war, dahin – und von Minute 1 bis 90 geschieht immer genau das als nächstes, was man in diesem Moment auch erwartet.
Showtime spielt – der Krimititel deutet es an – zu großen Teilen hinter den Kulissen der seit über 20 Jahren populären Kindersendung „Sachen und Lachen“, deren Kameramann beinahe bis zur Unkenntlichkeit verkohlt in seinem ausgebrannten Auto liegt: Stefan „Happy“ Glück (Niels Bormann, Erbarmen. Zu spät.) war nicht so happy, wie es sein Spitzname vermuten lässt, denn das Glück war ihm beim Wetten auf der Pferderennbahn weniger treu als sein Nachname. Für Rechtsmediziner Dr. Roth (Joe Bausch) und KTU-Chefin Natalie Förster (Tinka Fürst) ist angesichts der Spuren in der Wohnung des Toten klar: Der Mann wurde ermordet.
Den Täterkreis hält das Autorenduo Arne Nolting und Jan Martin Scharf, das bereits die Drehbücher zu den sehenswerten Kölner Folgen Pyramide und Spur des Blutes beisteuerte, sehr überschaubar: Eine Drohung auf dem Anrufbeantworter des toten Junggesellen lenken kaum davon ab, dass der Mörder oder die Mörderin im Umfeld der TV-Show arbeitet und nicht etwa im Wettmilieu. Und in eben dieser Show ist einer der unumstrittene Star: Moderator und Ulknudel Frank Anders (Max Giermann, Unter Wölfen) begeisterte – wie könnte es anders sein – schon Freddy Schenks Enkelin und produziert die Sendung mit seiner Frau Caro Anders (Silvina Buchbauer, Siebenschläfer). Er ist für den kreativen Prestige-Part zuständig, sie gibt den Sidekick und macht die Zahlen – so viel klassische Rollenverteilung muss sein.
Den kölschen Kriminalisten, die bei ihren Ermittlungen einmal mehr von ihrem Kollegen Norbert Jütte (Roland Riebeling) unterstützt werden, gibt das die Gelegenheit, zum zweiten Mal binnen drei Monaten hinter die Kulissen des erneut sehr intrigant gezeichneten Showgeschäfts zu blicken: Ermittelten Ballauf und Schenk im umstrittenen Theater-Tatort Die Schöpfung noch auf der Großbaustelle der Oper, fahnden sie diesmal im Fernsehstudio zwischen schrillen Vogelkostümen, gestressten Crewmitgliedern und quietschgelben Tapir-Fatsuits nach Täter oder Täterin. Das bietet in einem fiktiven Spielfilmformat natürlich Steilvorlagen für Selbstironie, die die Filmschaffenden souverän in gelungene Meta-Momente ummünzen.
Leider klingt auch der Klangteppich des satirisch angehauchten Krimis bis zum gewohnt schmalzigen Zeitlupen-Finale, in dem diesmal David Bowies Hymne Heroes mit einer Cover-Version dem Kitsch preisgegeben wird, wie eine Komposition für eine humorvolle Kindersendung: Das heitere Jazz-Gedudel und die eingestreuten Slapstick-Soundeffekte sorgen zwar für thematisch passende Vorabend-Vibes, konterkarieren das Geschehen bisweilen aber kolossal – etwa dann, wenn die Produzentin vor den Senderverantwortlichen energisch ums Überleben ihrer Sendung kämpft. Die Spannung erstickt das im Keim, sie will sich in diesem atmosphärisch eigenwilligen, bisweilen fast zirkushaften Krimi nur selten einstellen.
Die routinierten Befragungen des übers Ohr gehauenen Tapir-Darstellers Yassin Meret (Erkan Acar) und der tapfer für Making-of-Auswertungen drehenden Praktikantin Marie Wolters (Bineta Hansen, Die Kälte der Erde) bieten wenig Aufregendes, und mit Blick auf die vorhersehbare Antwort auf die Täterfrage ist der 1335. Tatort eine echte Enttäuschung: Schon in der Auftaktviertelstunde schimmert durch, dass der parallel zum Geschehen der Gegenwart montierte Rückblick in die Kindheit eines treuen Frank-Anders-Fans nicht von ungefähr kommt. Da nur eine Person das passende Alter im Personalausweis stehen hat, ist zumindest die Auflösung des zweiten Mordfalls, der in diesem konsequent konventionell konstruierten Krimi natürlich nicht fehlt, auch für das weniger genreaffine Publikum früh offensichtlich.
Während die klischeehaften Figuren – der abseits der Kamera cholerisch-unsympathische Moderator, die forsche Produzentin, die stutenbissige Regisseurin Annabelle Mayers (Julia Riedler, Finsternis), der alleinstehende Techniker, das einsame Fangirl – ausschließlich groben Schlagschatten werfen, gibt es im Cast einen großen Lichtblick: Der aus seinen grandiosen Switch-Parodien (etwa Stefan Raab oder Markus Lanz) bekannte Max Giermann ist das Einschalten schon allein wert und dankt kurz vorm Abspann mit einem Wutausbruch ab, auf den selbst Klaus Kinski stolz gewesen wäre (den er selbstverständlich auch schon parodiert hat). An der Schwelle zum Overacting läuft Giermann beim Streit mit den Ermittlern und beim Showdown zu großer Form auf – der wirkt mit Italo-Western-ähnlichen Einstellungen allerdings unfreiwillig komisch und seltsam überinszeniert.
Immerhin: Die nach dem sechs Tage zurückliegenden Abschied der Münchner Urgesteine Batic und Leitmayr nun meistbeschäftigten Hauptkommissare der Krimireihe (Fall Nr. 100 ist bereits 2027 in Reichweite) halten sich in Showtime mit nervtötender Pseudo-Betroffenheit und bedeutungsschwangeren Einordnungen zurück, auch wenn der anfangs noch so begeisterte Schenk zwischenzeitlich sein Stofftapir in den Mülleimer werfen muss, um seiner Ernüchterung über Anders‘ wahres Wesen auch auf der Bildspur nachdrücklich Ausdruck zu verleihen. Ansonsten hat der in seiner Tonalität oft an die Tatort-Folgen aus Münster erinnernde Film seine stärksten Momente immer dann, wenn er dem Fernsehen selbst den Spiegel vorhält – doch tut er das leider nicht allzu häufig.
Bewertung: 5/10
Drehspiegel: So geht es im Tatort mit Ballauf und Schenk weiter
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Ausblick: Dieser Tatort läuft am nächsten Sonntag


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