Folge 633
28. Mai 2006
Sender: SWR
Regie: Arend Agthe
Drehbuch: Felix Huby
So war der Tatort:
Denkmalgeschützt.
Der 22. Tatort mit dem schwäbischen Hauptkommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck), der bei seinen Ermittlungen wie gewohnt von Oberkommissar Günter Gächter (Rüdiger Wandel) unterstützt wird, spielt nämlich zu großen Teilen an einem geschichtsträchtigen Ort, der seit 1972 unter Denkmalschutz steht und für die Dreharbeiten wochenlang gesperrt werden musste: in und unter der Stuttgarter Markthalle. Dort, wo die meist Besserbetuchten im Herzen der baden-württembergischen Landeshauptstadt Feinkost und exquisite Spezialitäten einkaufen, hat sich im Film ein brutaler Messermord ereignet, an den in der Realität noch heute eine entsprechende Infotafel samt humorvollem Leichenumriss erinnert.
Die Täterfrage scheint dabei auf den ersten Blick glasklar und kinderleicht zu beantworten zu sein: Der geistig zurückgebliebene Geza Janicek (Arndt Schwering-Sohnrey, Schichtwechsel) liegt direkt neben der Leiche seines erstochenen Vaters, der in der Markthalle erfolgreich einen Stand betrieben und seinen Sohn dort für diverse Hilfstätigkeiten eingesetzt hatte. Die blutige Tatwaffe hält Geza noch immer in der Hand. Für das Stammpublikum ist damit allerdings so gut wie sicher: Wer sich mit derart hoher Wahrscheinlichkeit als Mörder aufdrängt, hat mit der Tat am Ende garantiert nichts zu tun. Zumal der verwirrt wirkende Geza praktisch noch an Ort und Stelle gesteht:
Ganz so einfach ist die Sache im 633. Tatort natürlich nicht. Denn ansonsten wäre der Krimi unter Regie von Arend Agthe (Bienzle und der Feuerteufel), der zum vierten Mal bei einem Bienzle-Tatort am Ruder sitzt, ja schon nach zehn Minuten auserzählt. Viele weitere Personen, die in der Markthalle ihren Geschäften nachgehen – etwa der mit Gezas getötetem Vater im Clinch liegende Ex-Knacki Siegfried Körner (Arved Birnbaum, Schützlinge) oder die auskunftsfreudige Frau Schierle (Birke Bruck, Roter Tod) – legen zudem die Hand dafür ins Feuer, dass der auf dem geistigen Niveau eines Fünfjährigen zurückgebliebene Geza seinen geliebten Papa nicht ins Jenseits befördert hat. Dessen Tod begreift er bis zum Ende des Films auch gar nicht richtig.
Stammautor Felix Huby (Bienzle und der Sizilianer), der sein zwanzigstes Bienzle-Drehbuch beisteuert, arrangiert damit einen klassischen Whodunit an geschichtsträchtigem und auch von Stuttgart-Touristen stark frequentiertem Ort: Neben den bereits genannten Verdächtigen rücken auch die zunächst untergetauchte Partnerin des Toten, Milena Mechtel (Bettina Kupfer, Bienzle und der süße Tod), der zwielichtige Gastwirt Lukas Sailer (Jürgen Haug, Déjà-Vu), der schmallippige Goldschmied Giulio Santini (Rolf Zacher, 3:0 für Veigl) und Mechtels eifersüchtiger Ex-Partner Arthur Katzbach (Christoph Hofrichter, Bienzle und der Biedermann) ins Visier der Ermittler. Beim Blick auf die Besetzung ergibt sich dabei ein durchaus durchwachsenes Bild: Während etwa Kupfers Spiel seltsam affektiert wirkt, bleibt ausgerechnet Zacher vollkommen blass.
All diese Tatverdächtigen werden von Bienzle und Gächter, die wieder auf die Unterstützung von Rechtsmediziner Dr. Bernhard Kocher (Klaus Spürkel) und Kriminaltechniker Schober (Dirk Salomon) vertrauen, routiniert und ohne große Aufreger abgeklappert. Die gibt es dafür an anderer Stelle: Schnell kristallisiert sich heraus, dass der Weg zur Auflösung nur über das Trauma und etwaige Beobachtungen des womöglich wichtigen Augenzeugen Geza führt. Dem damals schon fest im Schauspielgeschäft etablierten Episodenhauptdarsteller Arndt Schwering-Sohnrey, der von 2015 bis 2021 den kultig-kindischen Schutzpolizisten „Lupo“ im Tatort aus Weimar mimte, bietet das die große Bühne: Seine Performance wandelt zwar auf einem schmalen Grat zum Overacting, ist aber das, was neben dem ausgefallenen Setting von diesem Tatort in Erinnerung bleibt.
Mit der Realitätsnähe darf man es dabei allerdings nicht so genau nehmen wie mit dem Lokalkolorit: Allein die Tatsache, dass der bekanntlich kinderlose, diesmal aber sehr väterlich auftretende Bienzle den in sein Handy förmlich verliebten, geistig gehandicapten Geza in seiner gemeinsamen Wohnung mit Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) einquartiert und sich auch sonst mit dem Seelenleben des jungen Mannes besser auszukennen scheint als jede geschulte Fachkraft, spottet natürlich jedem Polizeialltag und Berufsbild. Geza eine besondere Begabung beim Memory-Spielen anzudichten, passt da leider prima ins von ärgerlichen Klischees geprägte Gesamtbild, das die Filmschaffenden von einem Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung zeichnen und gegen das Schwering-Sohnrey bis zum Schluss tapfer anspielt.
Dennoch ist Bienzle und der Tod in der Markthalle unterm Strich ein gelungener, wenn auch mitunter etwas unbeholfen arrangierter Tatort – und das liegt nicht zuletzt an der grandiosen Auflösung, die uns auf der Zielgeraden den Boden unter den Füßen wegzieht. So konventionell und geradlinig der Krimi bis zu diesem Zeitpunkt auch verlaufen mag, so sehr sorgt das überraschende Finale noch einmal für einen späten Paukenschlag. Leider wird dessen gehörige Wucht schon Sekunden danach wieder durch eine bereits in den Vorgängern Bienzle und der Taximord, Bienzle und der steinerne Gast, Bienzle und der Feuerteufel und Bienzle und der Sizilianer zu beobachtende, schmalzige Schlussszene mit Hannelore weichgespült: ein in den Bienzle-Folgen inzwischen fest etabliertes Zugeständnis ans Wohlfühl-Publikum, das offenbar nicht mit flauem Gefühl im Magen in den Abspann entlassen werden soll.
Ansonsten erhält Bienzles Partnerin auch über den Kriminalfall hinaus wieder einen festen Platz im Drehbuch: Diesmal streitet sie mit ihrem Lebensgefährten über einen Urlaub in St. Petersburg, die Wahl des (bezahlbaren) Hotels und Bienzles mangelnde Bereitschaft, die heimischen Gefilde für Kunst und Kultur zu verlassen. Das ist zwar alles erträglich dosiert, aber auch selten originell. Deutlich witziger ist das von langer Hand und mit teuren Einkäufen in der titelgebenden Markthalle vorbereitete Abendessen mit Rominger (Walter Schultheiß): Der sonst so knauserige Vermieter lädt Bienzle und Hannelore überraschend zu sich ein, tischt dann aber statt edler italienischer Feinkost einfach eine große Schüssel Gaisburger Marsch auf. Herrlich (schwäbisch).
Bewertung: 6/10


Schreibe einen Kommentar