Folge 657
25. Februar 2007
Sender: SWR
Regie: Hartmut Griesmayr
Drehbuch: Felix Huby
So war der Tatort:
Schwermütig.
Bienzle und sein schwerster Fall durchziehen nämlich von Minute 1 an traurige Klavier- und Streicherklänge, die die melancholische Grundstimmung des aufwühlenden Krimidramas wirkungsvoll untermalen – und auch so manchem Stammzuschauer dürfte spätestens in den Sekunden vor dem obligatorischen Fadenkreuz-Abspann ein wenig schwermütig ums Herz werden. Der 25. Tatort mit dem urschwäbischen Hauptkommissar Ernst Bienzle (Dietz-Werner Steck), der 1992 in Bienzle und der Biedermann debütierte und sich nicht nur beim baden-württembergischen Publikum großer Beliebtheit erfreute, ist nämlich sein letzter.
Für seinen Abschied setzt der SWR auf ein eingespieltes Duo, das nicht nur den guten Vorgänger Bienzle und die große Liebe, sondern auch schon zahlreiche weitere Fälle mit dem kauzigen Stuttgarter Kriminalen arrangierte: Stammautor Felix Huby hat zum 23. Mal das Drehbuch für einen „Bienzle“ geschrieben (er setzte lediglich bei Bienzle und der Todesschrei und Bienzle und der Mann im Dunkeln aus) und auch Regisseur Hartmut Griesmayr bringt reichlich Erfahrung in dieser Funktion mit. Sein elfter Bienzle-Tatort, in dem der Hauptkommissar wie gewohnt von Oberkommissar Günter Gächter (Rüdiger Wandel), Gerichtsmediziner Dr. Bernhard Kocher (Klaus Spürkel) und Kriminaltechniker Schober (Dirk Salomon) unterstützt wird, ist einer seiner besten.
Das liegt auch daran, dass Bienzles Lebensgefährtin Hannelore Schmiedinger (Rita Russek) diesmal weniger Zeit vor der Kamera bekommt als in den Jahren zuvor: Arteten ihre quirligen Auftritte vor allem im enttäuschenden Vor-Vorgänger Bienzle und der Tod im Weinberg noch zulasten der Spannung und Glaubwürdigkeit aus, sind ihr diesmal nur wenige Minuten vergönnt. Sie ist für ihren Verlobten da, wenn der sie braucht – aber die Bühne im 657. Tatort gehört in erster Linie Dietz-Werner Steck, der sich als schwäbisches Columbo-Pendant ein letztes Mal seinen kultigen Hut und den beigen Trenchcoat anziehen darf, den er bei jedem seiner Einsätze trug.
Dass sein letzter Fall sein schwerster sein würde, verrät schon der Krimititel und ist in doppelter Hinsicht zutreffend. Zum einen, weil die Täterfrage so knifflig zu knacken ist wie in kaum einem zweiten Stuttgarter Tatort. Und zum anderen, weil wohl niemand, der eine solche Erfahrung nicht selbst machen musste, sich vorstellen kann, wie sich das anfühlt, um das Überleben seines Kindes bangen oder gar dessen Tod ertragen zu müssen: Carmen Hagen (Sigrid Burkholder, Fette Krieger) und ihr Mann Philipp (Joachim Berger, Der Lippenstiftmörder) machen genau das durch. Als Bienzle und Gächter vor ihrer Tür stehen und den Eltern nach Tagen der Sorge die traurige Nachricht vom Tod ihrer elfjährigen Tochter überbringen, zieht ihnen das den Boden unter den Füßen weg.
Bienzle und sein schwerster Fall funktioniert von diesem frühen Zeitpunkt an als klassischer Whodunit, weil Elena bereits das zweite Mädchen binnen kurzer Zeit ist, das in einem Waldstück auf der Wangener Höhe tot aufgefunden wurde: Ein triebgesteuerter Serientäter versetzt die Stadt in Angst und Schrecken. Gleichzeitig entpuppt sich der Tatort in der zweiten Filmhälfte – und das teilt er mit dem bereits erwähnten Vorgänger Bienzle und die große Liebe – als temporeicher Entführungsthriller, bei dem es ein drittes Opfer aus den Händen des perfiden Kindermörders zu befreien gilt. Längere Pausen zum Durchschnaufen, für die in den schwäbischen Krimis sonst meist Hannelore zuständig war, gestatten uns die Filmschaffenden nicht.
Vielmehr fiebern wir mit der Sonderkommission unter Bienzles Leitung mit, die von Ex-Ermittler Hartwin Grossmann (Bernd Tauber, Scheherazade) massiv unter Druck gesetzt wird und in der sich noch zwei weitere Personen engagieren: Klaus Ziemer (Jürgen Hartmann, ab 2008 regelmäßig als neuer Rechtsmediziner im Stuttgarter Tatort zu sehen) und die junge Tanja Hohmann (Lisa Maria Potthoff, Tod auf der Walz) greifen Bienzle und Gächter tatkräftig unter die Arme. Hohmann sichtet sogar bücherweise Fachliteratur und versucht sich als Profilerin – über Küchenpsychologie kommt der Tatort dabei aber leider nicht hinaus.
Exemplarisch zeigt sich das, als die Polizei sich mit dem undurchsichtigen Bewährungshelfer Gunter Heinze (Martin Ontrop, Requiem) über den ihm anvertrauten, bereits beim ersten Todesfall unter dringendem Tatverdacht stehenden Kai Anschütz (stark: Tobias Schenke, Der Fluch der Mumie) und ein mögliches Täterprofil unterhalten: Eine Drehbuchschwäche einfach offensiv beim Namen zu nennen, macht sie bekanntlich nicht weniger tragisch.
Auch sonst ist dieser Tatort in der B-Note nicht frei von Schwächen: Dass zwei der drei (potenziellen) Mordopfer im Kindesalter auf die im Jahr 2007 aus der Zeit gefallenen Vornamen Christine und Ulrike hören, wirkt einigermaßen kurios – dass die sich dann aber auch noch von einer Barbie-Spieluhr begeistern lassen sollen, ist alles andere als altersgemäß. Deutlich überzeugender sind die Leistungen der Schauspielenden: In einer Nebenrolle sind der stark aufspielende Max Gertsch (Bienzle und der steinerne Gast) als übergriffiger Musiklehrer und Eva Löbau (Erntedank e.V.) als aufgelöste Mutter eines Kindes zu sehen. Löbau wird ähnlich wie der bereits erwähnte Jürgen Hartmann für den SWR später eine tragende Rolle spielen (nämlich ab 2017 als Hauptkommissarin Franziska Tobler im Schwarzwald-Tatort).
Den genannten Schwächen zum Trotz ist Bienzle und sein schwerster Fall – mit etwas Abstand nach dem überragenden Bienzle und der Mann im Dunkeln – einer seiner stärksten: Wir erleben einen Kommissar, der erstmalig in seiner langen Polizeikarriere ratlos wirkt und zunehmend von Zweifeln zerfressen ist. Sollte er mit seiner Erfahrung und Menschenkenntnis wirklich daneben liegen? Diese Frage bleibt bis in die Schlussminuten spannend.
Bewertung: 7/10


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